Milram verpackt Vielfalt - Easy Cheesy? - Journalismus mit Haltungsschaden
- Richard Krauss
- vor 7 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Eigentlich sollte es eine harmlose Spielerei sein. „Easy Cheesy“, so nannte Milram seine Kampagne: Käsepackungen mit bunten Illustrationen, entworfen von jungen Künstler:innen.

Doch kaum waren die neuen Packungen im Regal, verwandelten sie sich in Projektionsflächen. In Kommentarspalten hieß es, man wolle beim Einkauf „einfach nur Käse kaufen“ und nicht mit „Wokeismus“ belästigt werden.
Ein Nutzer fühlte sich als „weiß und naturblond“ nicht mehr gemeint. Die Wut, die da aufbrandete, war größer als das Produkt, an dem sie sich entzündete.
Sie erzählte von einer Gesellschaft, die schon beim Anblick einer gezeichneten Figur mit dunkler Hautfarbe in Abwehrhaltung geht.
Milram selbst reagierte hilflos. Man habe nie Politik machen wollen, erklärte ein Sprecher.
Ein Satz, der gut gemeint war – und doch die Lage verkennt.
Denn wer heute Vielfalt zeigt, ob auf einer Werbetafel oder auf einer Käsepackung, steht mitten in einem politischen Konflikt. Neutralität ist in einer Öffentlichkeit, die längst unter Dauerstrom steht, nicht mehr zu haben.
Die Autorin Lunia Hara brachte diese Schieflage präzise auf den Punkt. Sie lobte die Rheinische Post, die die Hasskommentare unmissverständlich als Rassismus bezeichnete.
Genau hier liegt die Sollbruchstelle: Der Journalismus soll nüchtern bleiben, heißt es oft, und auf Einordnungen verzichten.
Doch wenn er Rassismus nicht mehr Rassismus nennen darf – wozu dann überhaupt noch Journalismus?
Das Problem ist hausgemacht. In deutschen Redaktionen sitzen mehrheitlich Menschen aus ähnlichen Milieus: über 46 Jahre alt, überwiegend ohne Migrationshintergrund, seltener Frauen, fast nie Arbeiterkinder. Diese Homogenität prägt den Blick. Wer selbst nie Diskriminierung erlebt hat, zögert eher, sie klar zu benennen.
Das ist keine böse Absicht, sondern ein blinder Fleck. Doch er schwächt die Glaubwürdigkeit – und verstärkt das Misstrauen, das Medien ohnehin entgegenschlägt.
Darum geht es am Ende nicht um Käse, sondern um einen doppelten Kulturkampf.
Den einen, importiert aus den USA, in dem Begriffe wie „Woke“ und „Cancel Culture“ längst zur Munition gehören. Und den anderen, innerdeutschen, in dem Medienhäuser entscheiden müssen, ob sie Zuschauer spielen oder Akteure, die Haltung zeigen.
Die Wahrheit ist unbequem: Journalismus, der glaubt, sich durch Neutralität zu retten, verspielt seine Autorität. Er muss Rassismus benennen, wo er ihm begegnet – und gleichzeitig die eigenen Redaktionen diverser machen, um überhaupt zu verstehen, was er beschreibt.
Milram wird irgendwann wieder neutrale Packungen verkaufen. Die Frage, ob Journalismus sich neutralisieren darf, bleibt. Und sie entscheidet mit darüber, ob man ihm noch glaubt.
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