Kritik an Israel – ein Sakrileg ?

EMET-NEWS-PRESS -13.04.2012 - RICHARD KRAUSS

1. Mit letzter Tinte auf morschem Holz

Die öffentliche Diskussion der im Zusammenhang mit den von Grass publizierten  Zeilen spricht Bände.  Das für und wider , das hin und her und das populistische Feuerwerk der Geistesblitze blendet uns am Firmament.  Dabei hat Grass sich selbst ins Schweinwerferlicht gerückt, seine Eitelkeit bedient  und eine immer wieder geführte Diskussion neu entfacht.  Darf Israel kritisiert werden – und gar auch von Deutschen ?  Befassen wir uns zuerst mit der Kritik.

 

Was ist darunter zu verstehen ? Ist es „die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung“ in Bezug auf eine Person oder einen Sachverhalt ?  Oder meinen wir die abolitionistische Kritik – einer  Kritik – die sich mit der Abschaffung und Abwendung von Sachverhalten beschäftigt ?  Einer positiven Kritik, einer  konstruktiven Kritik, einer  negativen Kritik oder verstehen wir darunter die  Correctio Fraterna – einer brüderlichen Zurechtweisung ?   Wer darf kritisieren, gibt es moralische Grenzen für Kritik ?

Dies alles bleibt einerseits unbeantwortet und anderseits besteht doch  das allgemeine agreement, daß nur die destruktive Kritik gemeint ist. „Die Mißbilligung des Verhaltens Israels“

Wer ist der Adressat dieser Kritik ?  Die Bevölkerung Israels ?  Der Staat Israel als völkerrechtliches Mitglied der UN oder ist die Israelische Regierung gemeint ?  Ist es Barak, Netanyahu oder das Kabinett oder  die Knesset ?  Oder ist es vielleicht Shimon Peres als Staatspräsident  ?

Viele sind sich in ihren Kommentaren und Berichten einig – einig mit Grass –  es  ist keine Differenzierung erforderlich .  „Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land  beim Namen zu nennen“ –  acht  Millionen  Menschen in einem Staat so groß wie Hessen dürfen sich angesprochen fühlen.  Grass möchte „dem Land  Israel“ diese „Tatsache  als ausgesprochene Wahrheit“ zumuten.   Grass spricht vom „factum“  – einer Situation, in der sich Dinge nachweislich befinden. Nachweislich !  Und er untermauert dies mit der Begrifflichkeit der Wahrheit, in dem er den Begriff mit „Übereinstimmung mit der Wirklichkeit“ verwendet.

Wie belegt Herr Grass diesen Nachweis der Wirklichkeit ?   Er tut dies mit dem Hinweis, daß sich ein vermutetes atomares Potential „außer Kontrolle“ befindet.  Er impliziert mit „außer Kontrolle“  Chaos oder eine allgemeine Gefahr die von „dem Land Israel“  ausgeht.

Grass empfindet “das allgemeine Schweigen dieses Tatbestandes als belastende Lüge“.  Herrn Grass mag entgangen sein, daß sich die EU, Frau Merkel, Herr de Maiziére,  Herr Westerwelle und auch der der engste Verbündete Obama  wiederholt und öffentlich sehr kritisch gegenüber der israelischen Regierung hinsichtlich eines konventionellen Präventivschlags geäußert haben. Aber, er begründet sein Verhalten sehr schnell in dem er „den Zwang, der Strafe in Aussicht stellt“ sobald das im Raum stehende Schweigegebot „ mit dem Verdikt des Antisemitismus verknüpft . 

 

Grass legitimiert vorab seine Zeilen in dem er sich die Absolution selbst erteilt.  Er impliziert , wer den „Zwang des Verschweigens“ von Tatbeständen missachtet , setzt sich der Gefahr des „Antisemitismus“ aus. Er bemüht die Begrifflichkeit  das „Verdikt Antisemitismus“ .  Auch hier greift Grass erneut auf den Wahrheitsbegriff Verdikt = verdictum = Wahrspruch zurück.  Grass tut dies in Verbindung mit der Verwendung des Wortes Antisemitismus = Judenfeindlichkeit. Will heißen, wer „Israel“ kritisiert setzt sich der „Strafe“ aus als Antisemit bezeichnet zu werden.  Meint Grass  77% der jüdischen Bevölkerung oder die 20% der arabischen Bevölkerung Israels, wenn er „von jenem andern Land“ spricht ?  Warum bringt Grass den Antisemitismus in Spiel ?  Als Alibi für sein Schweigen oder als moralisches Präventivmittel um die Claquere vorab auf seiner Seite zu haben.  Für eine konstruktive Kritik, wäre es nicht erforderlich gewesen.  Worin liegt das Motiv ?  „Cui bono“ möchte man fragen.

Die Antwort folgt wenige Zeilen später. „Wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist“.

Im Besitz der Wahrheit (siehe oben) spricht Grass von der unbewiesenen Existenz einer einzigen (iranischen) Atombombe und erhält dafür frenetischen Applaus aus Teheran – im Gegensatz zu dem von Israel bedrohten Weltfrieden“.

„Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ . Israel ein Kriegstreiber ?  Wo bleiben die Fakten, die Wahrheit die Grass bemüht ?  Wann hat eine israelische Regierung  jemals geäußert ein Land mit einem atomaren Erstschlag angreifen zu wollen ? Wo ist dieser Beleg ?  Wo ist die Wahrheit, das Faktum für die Existenz einer oder zweier oder wie vieler israelischer Atomwaffen ? Wenn Grass für seinen Kommentar und der Wahrheit über die Existenz einer iranischen Atombombe hat, und dafür Applaus von der iranischen Regierung erhält, dann, ja dann ist die Existenz einer iranischen Atombombe „ einer einzigen Atombombe“  doch sauber bewiesen und die Gespräche in Istanbul am 13.4.2012 können im Klartext beginnen unter anderen Vorzeichen beginnen.  Es wird jedoch mit unterschiedlichem Maß gemessen.

„Gealtert und mit letzter Tinte“ . schwach, gebrechlich am Verdorren ? An der Schwelle des Grabes ?  Pathetisch, erduldend  nimmt Grass diese ihn moralisch drückende Last auf sich und bringt diese Zeilen zu Papier. Mit Pathos als rethorisches manipulatives Stilmittel.  Es ist eine emotionale, theatralische übertriebene Ausdrucksform, deren Glaubwürdigkeit zweifelhaft ist.

Am Ende seiner Zeilen hofft Grass, „von der Heuchelei des Westens überdrüssig“ , „es mögen sich viele vom Schweigen befreien“. Wie groß diese Last des Schweigens für Grass gewesen sein mag merkt man an seinem Rundumschlag.  Spricht er am Ende seines Kommentars  vom „israelischen atomaren Potential“  so definiert er „die iranischen Atomanlagen“ als zivile Einrichtung.

Abschließend schlägt er noch den Bogen um die „vom Wahn okkupierten Regionen“ und schließt  die Palästinenser und die Israelis pauschal  in sein statement mit ein. Kein Thema wurde ausgelassen.

Nun, darf Grass kritisiert werden ? Darf das israelische Kabinett, die israelische Regierung kritisiert werden ?  Ja, warum denn nicht !  Allein die Diskussion darüber ob die israelische Regierung kritisiert werden darf oder nicht ist lächerlich. Wer sollte es verbieten ? Nun, wer die israelische Regierung kritisieren will oder nicht, kann es tun oder auch lassen.. Wer es ab so wie Grass tut, disqualifiziert sich selbst und muss mit der Reaktion klar kommen. Da ist es ein jämmerlicher Versuch von „Gleichschaltung der Medien!“  zu sprechen oder „sich an den Pranger gestellt“ zu sehen. Auch hier wurde das Prinzip von Ursache und Wirkung zum zweiten mal missachtet.

2.  Inhalt der Kritik

Das Würgen im Halse von Grass begann  mit dem Bekanntwerden der Lieferung eines weiteren U-Boots der Dolphin Klasse an Israel. Eine Lieferung die seit 1950 von HDW in Kiel erfolgt.     Einer Tatsache die tagaus tagein in den Medien zu lesen ist. Doch erst 2012  sorgt sich Grass plötzlich , daß Deutschland damit der Beihilfe zum dritten Weltkrieg  bezichtigt werden könnte, als Helfershelfer an der Seite Israels !  Unglaubwürdig und infantil.  Deutschland exportiert im Jahr für über 4 Mrd. Euro Waffen in die ganze Welt.  Nur im Falle Israels wird Grass von schweren moralischen Zweifeln geschüttelt, seltsam.   Was ist mit Syrien, was ist mit Regimen in Afrika, was ist mit China ?  Wo bleibt da die moralische Entrüstung ?

Grass sieht sich bemüht endlich, ja endlich aufzudecken, was  „das Land Israel“ im Schilde führt.  Warum hat Grass es stets abgelehnt sich mit Avi Primor oder seinem Nachfolger als Israelischer Botschafter zu treffen ?  Hatte er Angst vor einem substantiellen Diskurs ?  Er hat mehrere Chancen verpasst seine Bedenken vorzutragen oder sich informieren zu lassen.

Es war nicht Grass, es war nicht die EU und es war nicht Obama, die die öffentliche Diskussion um einen Präventivschlag entfacht haben. Es waren seit mehreren Monaten israelische Politiker, es war ein ehemaliger Leiter des Mossad (Meir Amit) , es waren israelische Medien und es waren israelische Militärs. Die Diskussion wurde kontrovers in ganz Israel geführt. Für alle – auch für Herrn Grass wahrnehmbar  – täglich von IBA News im Internet  in den Nachrichten dokumentiert.  Nein, als Enthüllungsjournalist taugt Grass nicht.

Die Situation vor Ort ist komplexer. Es geht nicht um einen atomaren Diskurs zwischen Israel und dem Iran, es geht um die geopolitische Stabilität in der ganzen Region. Es geht um Prävention, es geht um Abschreckung (flexible response) und es geht um die Machtverteilung  und um das Großmachtstreben der jetzigen iranischen Staatsführung in der Golfregion.  Und es geht um die Sicherstellung des Existenzrechtes des Staates Israel.

Grass hat sich nicht die Mühe gemacht Quellen zu suchen, zu bewerten und zu Schlußfolgerungen zu kommen.  Er wäre sonst zum Ergebnis gekommen, daß selbst ein konventioneller Präventivschlag ohne Hilfe der USA nicht möglich ist oder äußerst unwahrscheinlich ist.   Bei einer nüchternen Betrachtung der Reichweiten, der Luftbetankungskapazitäten, der erforderlichen Überflugmöglichkeiten und anderen Faktoren, ist Israel mit großer Wahrscheinlichkeit auf Hilfe von aussen angewiesen.   Einerseits wurde Israel von den unterschiedlichsten Seiten wiederholt gesagt, was es nicht tun soll. Was aber die Völkergemeinschaft unternehmen will, um das permanent bedrohte Existenzrecht des Staates Israel sicherzustellen, das , ja das wurde zu keinem Zeitpunkt  gesagt. Man gab sich mit der Salamitaktik des Regimes aus Teheran zufrieden.

Grass hat  den „second strike“ Charakter der Dolphin Klasse im Mittelmeer und im Persischen Golf in Hinblick auf die existentielle Sicherheit Israels nicht begriffen. Diese Boote stellen  eine präventive,  deutliche Warnung an alle Seiten dar, sich mit den Konsequenzen eines atomaren Angriffs auf Israel gedanklich befassen. Und genau diese Strategie , hat zu Zeiten des Kalten Krieges in Europa dazu beigetragen, daß es eben nicht zu einem bewaffeneten Konflikt gekommen ist. Insofern geht die Lieferung der deutschen U-Boote an Israel  völlig in Ordnung – es ist mehr als eine politische Fensterrede – es ist substantielles Handeln der Bundesregierung zum  Schutz des Existenzrechtes des Staates Israel. Man könnte noch Stunden lang über den politischen Kommentar von Grass, der künstlerischen Freiheit und des Luxemburgischen Zitats philosophieren. Ändern würde dies an dem, was Grass zu Papier gebracht hat nichts. Ein Beleg für die Weisheit des Alters war es jedoch nicht.

3. Ist Kritik an Israel grundsätzlich antisemitisch  ?

Wohl kaum. Dinge in Israel zu kritisieren oder Entscheidungen israelischer Regierungen zu kritisieren ist so normal, wie Entscheidungen anderer Regierungen zu kritisieren. Befremdlich und inakzeptabel  wird es dann, wenn im Vorgriff auf diese Kritik gleichzeitig die „Grassche Warnung“ ausgesprochen wird, daß das, was ich nunmehr zu sagen habe, von  Juden oder Israelis als antisemitisch bewertet werden wird. Um dann unter der Gürtellinie plakativ,  populistisch und oftmals tatsächlich auch antisemitisch oder realitätsfern gegen den Staat Israel oder Juden als Religionsgemeinschaft zu argumentieren und zu verunglimpfen. Dabei werden vorsätzlich falsche Behauptungen und antijüdische Stereotypen in Umlauf gebracht.

Keinesfalls stehen Deutsche in der Verpflichtung aufgrund der Shoah keine Kritik an  Israel zu äußern wie dies oft unterstellt wird.  So oft ich in Israel war, habe ich Menschen getroffen, die als Opfer des Nazi Mörderregimes allen Grund gehabt hätten, sich von mir (Jahrgang 1960) abzuwenden. Ich hätte es verstanden. Es war nie so. Es war nie so bei Teddy Kollek, es war nie so bei Yitzak Ben Ari .  Wir haben uns offen unterhalten und ich bin gefragt worden, wie ich zum Holocaust stehe. Es wurde immer wieder gesagt „ihr habt keine Schuld“  es gibt keine Generalschuld.  Es gibt aber – und damit stimme ich vollkommen ein – die Verpflichtung zu Erinnerung um sicherzustellen, daß sich die Shoah niemals wiederholen darf.  Egal in welcher Form auch immer.  Darum akzeptiere ich auch nicht wenn gesagt wird, hört endlich mit den Geschichten der Judenverfolgung der Nazis auf. Wir können nichts dafür.  Daß jedoch die Erinnerung  zwingend notwendig ist, zeigt sich nicht nur am braunen Sumpf der ewig Gestrigen und den Neonazis von heute. Es zeigt sich auch in der stillschweigenden Duldung antisemitischen Stereotypen und gröllendem Applaus von den Rängen beim „Israel bashing“ . Und dies ist bedauerlicherweise weltweit so.

Kritik sollte fair, konstruktiv und faktisch belegbar sein. Im Falle von Grass ist mir dies aus emotionalen Gründen nicht gelungen.