Das beifällige Schweigen

 

EMET-NEWS-PRESS - 26.08.2015 - RICHARD KRAUSS

Es hätte so schön sein können. Urlaub, Sommer, Sonne, Strand und Meer. Und nun das. Seit dem Frühjahr ersaufen sie zu Tausenden im Mittelmeer in dem wir baden uns vergnügen. Einige stehen an der Reling des Lebens und wir werfen ihnen einige trockene Brotkrumen ins Mittelmeer, damit sie hineinspringen. Sie bekommen Rettungsringe zugeworfen, die mit ideologischen Löchern perforiert sind.

 


Sie laufen uns in unser Lebensbild und verstellen uns unsere getürkten Scheinaussichten, in der hochgepriesenen Leitkultur, die uns jeden Tag suggerieren will, dass wir doch die Krone der Schöpfung sind, über jeden Zweifel erhaben.


Die Zäunebauer und Mauerfetischisten bauen mit Stacheldraht und Beton Mauern an ihren Grenzen und in ihren und unseren Köpfen.


Menschen diskutieren, lamentieren, beobachten. Ja es ist schlimm, es ist schrecklich, "man" muss was unternehmen. Doch andere sagen auch "das geht uns ja nichts an".


Griechenland, Serbien, Italien weit weg. Frontex, Särge, Leichensäcke in Palermo und Lampedusa - eine weitere unverhinderbare Tragödie der Weltgeschichte. "Shit happens". Der Starke überlebt, das ist der Preis der Freiheit, die keine mehr ist, alles andere geht uns augenscheinlich in unserem biederen Garten- zwergparadies nichts an.


Sie kommen näher, über die Balkanroute. Sie suchen sich ihren Weg. Zu uns in das Scheinparadies. Plötzlich sind sie da. Unerwartet. Im wahrsten Sinne des Wortes. So werden sie behandelt. Unerwartet. Flüchtlinge. "Wir können ja nicht alle aufnehmen !" eine entlarvende Phrase. Wer verlangt, das wir "alle"
aufnehmen ? Niemand.


Sie ziehen um die Häuser, grölen "Deutschland den Deutschen" und "Ausländer raus". Sie zünden Häuser an, urinieren auf Frauen und Kinder, die der Hölle entkommen wollten; Neonazis, Rechtsextreme, gewaltbereite Demonstranten, Männer und Frauen in Deutschland. Sie werden rückfällig.


So höre ich die Berichterstattung. Sie greifen die Feuerwehr an, sie greifen die Polizei an, sie greifen Helfende an. Der braune Mob, die Verbrecher, die Zündler, die geistigen Brandstifter, die Verängstigten, die Entkulturisierten, die um ihre Existenz bangenden, haben ihren Sündenbock gefunden.


Sie haben Angst, dass ihnen was weggenommen wird, was sie ihnen längst nicht mehr gehört und das niemals mehr besitzen werden. Sie haben Angst und sind voll Hass, weil alles anders wird, was schon lange anders ist.
Sie haben Angst dass sie in der überlagerten Trivialität ihres erbärmlichen Alltags gestört werden.


Kremien tagen, beschwichtigen, zeigen sich besorgt, steuern nach, suchen nach Lösungen, appellieren, weichen aus, populisieren.


In Sachsen, in Bayern in Baden Württemberg und anders wo. Nimm Du sie ! Nein Du ! Warum ich so
viel ? Warum nehmen die anderen keine ? Warum also ich ? 

Sommerschweigen in Berlin. Betroffenheitsrhetorik. Talkshowgeflüster, EU Gesäusel. Hass, Feindseligkeit, Sicherheitszonen, No Go Areas, Neiddebatte, Kanonenfutter, Scheingefechte. Der ekelhafte braune Bodensatz der braunen Ideologie - die Saat geht auf.


Deutschland im Spätsommer 2015. Ministerpräsidenten, Minister und Kanzler werden von ihren Beratern genötigt doch etwas zu sagen
und sich vor Ort zu zeigen. Symbolpolitik. Passt nicht zum eigenen Wählerklientel, darum das Zögern.


Wer sich jetzt auf den falschen Stuhl setzt oder zuerst "hier" schreit hat verloren. Europa schaut zu - Europa schaut weg. Beifälliges Schweigen.
Flüchtlinge. Es sind Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die der Hölle entkommen sind und sich festklammern um nicht in den Abgrund zu stürzen. Wir sollten endlich den Fuß von ihren Händen nehmen und ihnen die Hand reichen.


Einige tun es. Im Verborgenen, beispielhaft, kreativ, mitmenschlich und human. Männer und Frauen, auch Kinder, Unternehmer, Vereine, Kommunen und auch viele, viele andere. Was soll ICH tun ? Was kann ICH tun ?


Schweigend zuschauen, wegschauen und abwarten bedeutet, billigend in Kauf nehmen. Sich komfortabel als Mitläufer zu positionieren.


Flüchtlinge sind Menschen, Frauen, Männer und Kinder und genauso wertvoll wie Du und ich. Unser Genom ist zu 99% identisch. Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du Flüchtling wärst ? Unvollstellbar