Der ewige Sündenbock oder das Asasel Ritual

EMET-NEWS-PRESS - 16.04.2015 - RICHARD KRAUSS

Wer kennt sie nicht die Geschichte des Sündenbocks, der in die Wüste gejagt wird, um das Volk von seinen  Sünden zu befreien. Eine Geschichte der Urväter die davon berichtet, dass der Ziegenbock auf den Berg geführt und in den Abgrund gestürzt wird. Genannt das Asasel Ritual.

Nein, wir reden hier nicht von Religion. Wir reden davon, dass es Menschen in unserer unmittelbaren Nähe gibt, die andere angreifen und ihnen nach dem Leben trachten.  Sie trachten ihnen nach dem Leben, ohne sie zu kennen und ohne jemals mit ihnen geredet zu haben. Hasserfüllt, werden sie auf Straßen angegriffen weil sie ihre Kippa tragen oder um den Hals eine Kette mit dem David Stern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre Kindergärten und Schulen, ihre Gemeindezentren stehen unter Polizeischutz und sie stehen unter Generalverdacht. Sie stehen unter Generalverdacht nicht die Klischees und Vorurteile zu bedienen, die ihnen zugedacht sind.

 

Und sie werden für Dinge verantwortlich gemacht, die sie nicht zu vertreten haben.  Da spielt es keine Rolle, dass jüdische Gemeinden den Dialog suchen, differenziert sich am gesellschaftlichen Dialog beteiligen und sich in ihrer berechtigten Klage zurückhalten und gar schweigen. Sie setzen ihre Kippa ab, legen ihre Kette mit dem Davidstern ab.  Und wer für sie Partei ergreift, läuft Gefahr auch zur Zielscheibe zu werden.

Nun denn, "es ist so wie es ist" könnte man sagen, "ja schlimm" und dann kommt ganz schnell das "aber".  Dieses "aber" beginnt relativierend und setzt sich mit einer Anklageschrift fort, der keine Tat zugrunde liegt.  Juden in der Mitte unserer Gesellschaft, mit unserer Staatsangehörigkeit, diese Juden werden dafür angeklagt, dass sie Juden sind.

 

Sie werden mit Hass und Rassismus überzogen und müssen um ihr Leben bangen. In der Folge hören wir in der Öffentlichkeit politische Betroffenheitsadressen und Sympathieerklärungen und Apelle. Inwieweit diesen Reden auch substantielle Taten folgen vermag ich nicht zu beurteilen. Änderungen kann ich nicht erkennen.

Gestern wurde in Tel Aviv eine Studie veröffentlicht, wonach der weltweite Antisemitismus zunimmt. Und diese Studie unterstreicht das, was auch vor wenigen Monaten auch hier in Deutschland im Rahmen einer umfassenden und repräsentativen Studie belegt wurde. 

 

"Na also, sag ich doch , es ist nicht nur hier in Deutschland so, es ist weltweit so. Kein Grund uns also an den Pranger zu stellen und uns die Grausamkeiten  des Nationalsozialistischen Regimes   noch immer unter die Nase zu reiben.  Irgendwann einmal muss auch mal Schluss damit sein."  Solche Meinungsbilder sind entlarvend und flächendeckend verbreitet. Sie dokumentieren zum einen, dass dieses "nationalsozialistische Regime" nicht zur eigenen Geschichte gehört und zum anderen, falls es doch so wäre, müsste das doch einmal endgültig "zu den Akten" gelegt werden.  Dieses endgültig ist verräterisch, da es die direkte Brücke zur "Endlösung" der Nazis schlägt. "Wir haben ein vermeindliches Problem und diese Problem wollen wir endgültig erledigen, beseitigen und zu den Akten legen".

Fritz Bauer hat dieses "zu den Akten legen" nicht akzeptiert. Er hat dafür einen schweren Preis zahlen müssen.

 

Und auch ich bin nicht bereit diesen Aktendeckel zu schließen und dieses zu akzeptieren. Wenn wir heute am "Yom Ha Shoah" der mehr als sechs Millionen Juden gedenken, dann sind das keine Zahlen oder Statistiken oder  keine Mitwirkenden eines historischen Ereignisses.

 

Es sind Menschen, Männer, Frauen, Väter, Mütter und Kinder. Rücksichtslos, brutal, erbarmungslos und die generalstabsmäßig  geplant und  ermordet wurden. Und zu diesen sechs Millionen Juden kommen Sinti und Roma, Behinderte, Kranke und Homosexuelle hinzu. Und auch heute werden neben Juden Sinti und Roma geächtet und Schwule  werden als therapiebedürftig und krank diskreditiert. 

Woran liegt es, warum ist es so wie es ist ? Wenn es eine einfache Antwort gäbe, ich würde sie gerne geben. Doch dem ist nicht so. Ein Stück der Antwort liegt in Jedem und Jeder von uns.

Meine Gedanken sind heute bei den Opfern, Überlebenden und den Angehörigen der Shoah.   

Bild: Nubian Ibex in Negev